The Sooner Now – Spekulative Zukünfte

Vortrag Spekulative Zukünfte – The Sooner Now – Freunde von Freunden

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The Sooner Now – Spekulatives Design und was wir daraus für die Zukunft lernen
Interview mit Wilhelm Rinke zu seinem Vortrag am 13. Oktober 2018 | The Sooner Now (Freunde von Freunden, MINI)

Wilhelm hat bei »The Sonner Now«, einer Veranstaltungsreihe der Initiative von unseren Nachbarn Freunde von Freunden und MINI, dem Publikum die Themen Zukunftsbilder und mensch-zentriertes Design präsentiert. In Reihe mit spannenden Speakern, einer bunte Truppe aus u. a. Innovatoren, Architekten, Designern, Journalisten und Künstlern, die zusammengekommen ist, um sich zu Ideen zu urbanen Utopien auszutauschen. Das Berliner Ideenlabor unterstützt Organisationen, Institute und Unternehmen bei der Gestaltung der Zukunft und der Frage, wie sie in einer sich rasant verändernden Gesellschaft Relevanz behalten. Welche Rolle Spekulatives Design für das Berliner Ideenlabor in der Zusammenarbeit mit Kunden, spielt, berichtet Wilhelm in diesem Interview.

Foto von Freunde von Freunden

Foto von Freunde von Freunden

Trägst du gerne vor Publikum vor? Ich trage generell sehr gerne vor Leuten vor, wie ich es auch in meiner täglichen Arbeit mache. Als Design Thinking Coach und Innovationsberater im Berliner Ideenlabor setze ich Design Thinking oder Future Foresight Workshops um und leite dabei unterschiedlichste Gruppen an, selbst Strategien, Produkte und Services mit Hilfe unseres vielfältigen Methodenset zu entwickeln. Ich bin gewohnt vor Menschen aus Unternehmen, NGOs, Forschungsinstituten und der Lehre zu sprechen. Manchmal habe ich die Hürde anzufangen, aber dann möchte ich ungern aufhören.

Als Freunde von Freunden sich im Berliner Ideenlabor gemeldet haben – sind ja quasi eure Nachbarn auf der Glogauer Straße – war für euch sofort klar, dass du zu dem Thema Spekulatives Design und dem aktuellen Projekt „Where to go“ erzählen wirst.  Wir haben uns alle sehr gefreut, dass Freunde von Freunden sich gemeldet haben. Es passt zu der Idee von Freunden von Freunden, in der direkten Nachbarschaft nachzufragen. Sie fragten uns, warum und in welcher Form wir uns mit dem Thema Zukunft auseinandersetzen.

Wir sind weder Zukunftsforscher noch spekulative Designer. Wir haben alle heterogene Hintergründe. Uns vereint aber, dass wir die Gegenwart als auch die Zukunft mitgestalten wollen. In Ko-Kreation mit den Menschen, die in ihren eigenen Bereichen mitwirken können. Uns ist aufgefallen, dass wir häufig in unserer Arbeit - wie z. B. im Design Thinking - in der Gegenwart verhaftet sind. Design Thinking ist fantastisch geeignet, um Nutzerbedürfnisse abzubilden und in Produkte oder Services fürs Heute umzuwandeln. Aber wir sprechen häufig über die Zukunft, obwohl wir gar nicht die Methoden haben, um über die Zukunft zu sprechen, zumindest in klassischen Design Thinking-Workshops. Deswegen war für uns klar, dass wir uns breiter aufstellen müssen, einerseits methodisch und andererseits in unserem Netzwerk. Wir haben viel Wissen über diverse ko-kreative Future Foresight-Formate gesammelt. Spekulatives Design hat sich als sehr wertvolle Ergänzung herausgearbeitet, so dass wir es es mit dem selbstständigen Projekt »Where to go« für uns im Berliner Ideenlabor – und natürlich für alle Außenstehenden – greifbar machen wollten. 

Ist »Spekulatives Design« also etwas ganz Neues für euch? Wir haben für uns gemerkt, dass viele Dinge im Spekulativen Design stecken, die wir täglich schon nutzen: Schnell visualisieren, über Prototypen Diskussionsgrundlagen schaffen, Erkenntnisse greifbar machen und Testen. Das sind alles Elemente der Arbeit eines spekulativen Designers. Spekulatives Design ist nah an der Grenze zur Kunst, deswegen ist für uns gar nicht so klar, ob wir es bei dem Begriff belassen wollen. Im Grunde geht es um mensch-zentriertes Design und Zukunftsbilder. 

Ihr wollt den Begriff für euch erweitern? Ja, damit er praktikabler wird, in unserer täglichen Arbeit. Wir wollen nicht die Ownership of Spekulativem Design beibehalten. Das ist ein Feld, in dem andere Menschen eine andere Expertise haben. Wir wollen es in die Praxis nehmen, es nutzbar machen und es für uns aufbauen. Wir haben ein gutes Netzwerk aus Experten, das uns dabei unterstützt. Und natürlich haben wir uns auch Expertentum angeeignet, das wir wiederum mit unseren Erfahrungen und unserem Wissen zu etwas Neuem paaren. 

Kannst du uns das Projekt »Where to go« näher erläutern? Unser erstes spekulatives Artefakt ist in Zusammenarbeit mit Bernd Hopfengärtner entstanden. Mit »Moving Parts« zeichnet er ein Zukunftsbild, das die gesamte Infrastruktur einer Stadt in Frage stellt und bei Null anfängt. Moving Parts erzeugt das Bild einer Zukunft, in der  die Beziehung von Raum und Zeit neu definiert wird und ein Alltag entsteht, der komplett anderen Gesetzen folgt als bisher. Jeder Bestandteil der Stadt ist ständig in Bewegung und verändert fortlaufend seine Position, um zu jedem Zeitpunkt dort zu sein, wo er den Bedürfnissen der Bewohner am nächsten ist. Wir fragen uns: Wie würde unser Leben in einer solchen Stadt aussehen? Das Projekt soll diese Fragen nach der Zukunft des autonomen Fahrens beantworten. Ich könnte sehr lange dazu berichten, am besten ihr lest es in unserem Blogeintrag nach.

Was wollt ihr mit Projekten wie »Where to go« erreichen? Wir wollten lernen. Wir wollten das Feld des spekulativen Designs für uns ergründen. Wir wollten weitergehend über spekulative Zukünfte nachdenken. Es geht nicht darum, dass wir Experten der autonomen Mobilität werden. Wir wollten schauen, wie weit passt die Arbeitsweise von spekulativen Designern, Zukunftsartefakte zu schaffen, mit dem, was wir schon tun, zusammen. Das Projekt ist eine freie Arbeit des Berliner Ideenlabors. Mit Design Thinking können wir Reaktionen aus Leuten herauskitzeln. Der Aufbau ist wie folgt: Wir schaffen ein erstes Artefakt, das Reaktionen provozieren soll. Daran schließen wir einen User Research an, bauen ein zweites, iteriertes Artefakt auf, schließen einen User Research an und bauen ein letztes Artefakt, das stärker im Heute verhaftet ist.

Grafik by Berliner Ideenlabor: Prozessdarstellung – Artefakt-Entwicklung und User Research

Grafik by Berliner Ideenlabor: Prozessdarstellung – Artefakt-Entwicklung und User Research

Warum ist es wichtig, die Zukunft in einem Prototypen darzustellen? Was bewirkt das in Menschen? Mensch-zentriertes Design basiert immer auf dem Austausch mit den Menschen. User Research ist ein zentraler Teil in unserer Arbeit. Wenn wir über die Zukunft sprechen, gibt es keine Gefühle zu der Zukunft. Alle User Needs, alles, was wir dort sehen, sind Annahmen. Alles, was wir für das Heute gestalten, können wir darauf zurückführen, dass wir es aus der Empathie zu den Menschen, die es wirklich betrifft, greifen. Wenn wir über die Zukunft sprechen, sind es Annahmen. Mit spekulativem Design gehen wir einen Schritt weiter: Wir können einerseits – wie wir es im Future Foresight machen – Trends sammeln und Zukunftsbilder schaffen. Wir haben Bilder geschaffen, die hilfreich sind, aber nicht unmittelbare Reaktionen provozieren. Es ist deshalb wichtig für uns, Zukunftsartefakte zu schaffen, die traurig, lustig oder verstörend sind, die aber nicht unbedingt eine realistische Zukunft zeigen, keine wünschbare, keine utopische, nicht unbedingt eine distopische - aber in jedem Fall, und das ist das, was spekulatives Design ausmacht, eine Meinung im Heute hervorrufen. Deswegen gehen spekulative Artefakte immer über einen Prototypen hinaus. Sie sind durchdachter, sie basieren häufig auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und sind so aufgearbeitet, dass sie leicht verständlich sind, aber ein bisschen deplatziert in der Anwendung wirken. Spekulatives Design muss keinen Nutzen haben. Für uns hat es den Nutzen eine Diskussionsgrundlage zu schaffen. 

Fotos von Freunde von Freunden

Fotos von Freunde von Freunden

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Du wurdest am Ende des Vortrages aus dem Publikum gefragt, warum in »Moving Parts« gezeigt wird, dass wir uns in Zukunft nicht mehr bewegen sollten. Das wäre nicht wünschenswert. Diese Frage aus dem Publikum hat den Kern  getroffen. Es geht nicht darum, dass es das ist, was wir uns wünschen. Auch nicht das, was wir uns nicht wünschen. Wir zeigen eine Möglichkeit in sehr greifbarer Form. Diese Möglichkeit ist da, sie bietet unglaublich viele Anknüpfungspunkte darüber nachzudenken. Dazu kann ich sagen: Klar, du kannst dich in diesem Zukunftsszenario auch bewegen! Andererseits lässt es auch den Rückschluss zu, dass wir an einer Zukunft arbeiten, in der der Menschen als körperliche und nicht-bewegende Einheit betrachtet wird.

Siehst du einen klaren Nutzen für Unternehmen, solche Zukunftsartefakte mit dem Berliner Ideenlabor zu erschaffen. Wir erschaffen gerade das dritte Artefakt, das uns über das Heute lehren soll. Es geht uns um das erschaffen eines Prozesses, nicht um das Thema per se. Daher freuen wir uns immer über mutige Projektpartner, egal aus welcher Branche. Unternehmen müssen manchmal ihren Wohlfühlbereich verlassen und das eigene Fortbestehen hinterfragen, wenn sie über Zukünfte sprechen wollen. Die Zukunft ist mit vielen Unsicherheiten besetzt. Wenn wir über das Morgen sprechen, sind wir noch zu sehr im Heute verhaftet und verwurzeln uns in technischen oder politischen Fragen, fragen aber nicht: wie wünschen wir uns das eigentlich? Wir wollen erst einmal alle Limitationen beiseite lassen und weit in die Zukunft blicken. Mit greifbaren Artefakten gehen wir dann den Weg zurück ins Heute. Es geht nicht um die Objekte, die wir geschaffen haben, die für die Zukunft stehen, sondern viel mehr die Reaktionen der Menschen, mit denen wir dazu sprechen. Wir suchen nach Wünschen, Nicht-Wünschen oder Ansatzpunkten, um relevante Produkte und Services für die Zukunft gestalten zu können.

Hast du den Eindruck, dass die Menschen mit diesen Zukunftsbildern umgehen können? Der Prozess, den wir entwickelt haben, macht es greifbarer. Es ist schwierig sich einfach hinzustellen und zu fragen: Wie stellst du dir die Zukunft vor oder wie stellst du sie dir nicht vor? Da sind wir wieder bei Annahmen. Wir wollen ermutigen nicht mehr über Kleinigkeiten nachzudenken, sondern das Große Ganze zu sehen. Das ist der klare Nutzen, den wir für Unternehmen darin sehen: Einerseits die Möglichkeit über Zukunftsbildern Kommunikation zu der eigenen Existenz im Morgen  aufzubauen und andererseits mit Nutzern in Kontakt zu treten zu Themen, die sonst nicht auf den Tisch kommen.

Wie nutzen die Unternehmen diese Learnings für sich? Hinzuschauen, wo es hingehen könnte, ist schon ein für sich stehendes Ergebnis. Wenn kein Bild kreiert werden kann, in dem man selbst eine wichtige Rolle spielt, ist die Frage: Warum existieren wir? Was ist der Nutzen für die Nutzer, dass es uns gibt? Oder wie können wir uns anpassen? Es reicht nicht zu fragen: Was bringt uns die meiste Kohle? Die Auseinandersetzung mit wünschbaren oder nicht-wünschbaren Zukünften hilft mit Unsicherheiten der Zukunft umzugehen. 

Wer meldet sich im Idealfall bei euch im Berliner Ideenlabor? Jeder, der sich dafür interessiert, jeder, der Zukunft und Gesellschaft mitgestalten kann. Das können große Unternehmen sein, das können NGOs sein, das können Wissenschaftler sein. Es ist nicht exklusiv, es hat für jeden Relevanz. Die Frage ist, wie man danach damit umgeht und die Ergebnisse in seinen eigenen Kontext einordnet.

Du hast am Anfang davon gesprochen, dass ihr gerade das 3. Artefakt schafft. Der Prozess hat sich lang angehört. Wie kann ich mir vorstellen, dass ihr das in Tagesworkshops integriert? Im ersten Schritt würden wir ko-kreativ Zukunftsbilder über verschiedene Methoden schaffen. Über Trends, über eine STEEP-Analyse, über eine Szenario-Konstruktion. Wenn wir über spekulative Artefakte sprechen, könnte man sagen: Wir verorten ein Artefakt, ein Produkt, genau in dieser Zukunft. Wie sieht der Reisepass aus, in einer Welt, in der es keine Grenzen gibt, wie sieht er aus in einer Welt, in der es nur noch Grenzen gibt. Wie sieht das Auto aus, in einer Welt, in der es keine Autos mehr gibt und wie sieht das Auto aus in einer Welt in der es keinen öffentlichen Nahverkehr mehr gibt. Wie sieht der Autoschlüssel aus, in einer Welt, in der keiner mehr ein Auto besitzt? Wie sieht die Car-Sharing-App aus, in einer Welt, in der es keine Handys und Autos mehr gibt. Wir wollen Lücken schließen, zwischen dem Heute und der Zukunft.

Grafik by Berliner Ideenlabor: Lücke zwischen dem Heute und der Zukunft

Grafik by Berliner Ideenlabor: Lücke zwischen dem Heute und der Zukunft